Montag, 29. Juni 2009

Schön reich - jährlich 300 Milliarden Euro am Fiskus vorbei?

Neben dem Filmbeitrag haben die Journalisten Sascha Adamek und Dr. Kim Otto auch ein Buch bei Heine unter dem gleichen Titel veröffentlicht, "Schön reich - Steuern zahlen die anderen".

Aus dem Klappentext lässt sich viel spannendes entnehmen, etwa dass sich der jährliche Einnahmeausfall für den deutschen Fiskus allein aufgrund mangelnden Personals in den Finanzämtern auf rund 72 Milliarden € beläuft:

Deutschland, die Steueroase für Millionäre

Wer zahlt in Deutschland eigentlich Steuern? Vor allem die Arbeitnehmer. Denen wird jeder Cent sofort vom Lohn abgezogen. Für Millionäre ist Deutschland eine Steueroase. Denn die Finanzämter können schon längst nicht mehr gründlich prüfen. Lasche Gesetze, zu wenig Personal. So haben die Politiker selbst die milliardenschwere Steuerflucht der Reichen organisiert. Ein Insiderbericht aus einem geteilten Land.

Die Parteien überschlagen sich mit Vorschlägen für Steuerreformen: Der einfache Bürger solle doch am Aufschwung teilhaben. Was nicht diskutiert wird: Könnten sich die Reichen nicht so einfach der Besteuerung entziehen, könnten schon jetzt für alle Bürger die Steuern gesenkt werden. Rund 72 Milliarden Euro entgehen dem Staat jährlich, weil die Finanzämter immer weniger Personal haben. Häufig ist das sogar politisch gewollt, denn mit einer großzügigen Steuerverwaltung glauben Bundesländer, vermögende Unternehmer bei der Stange zu halten. Anhand von internen Unterlagen und Gesprächen mit Finanzbeamten, Zollfahndern und Staatsanwälten decken Sascha Adamek und Kim Otto den desolaten Zustand der Steuer- und Kontrollbehörden auf. Zugleich porträtieren sie schillernde Figuren aus der ansonsten verschwiegenen Welt der Wohlhabenden. Sie schildern deren Steuersparmethoden und Raffgier. So entsteht das Sittengemälde einer Elite, die sich schon längst vom Grundkonsens einer sozialen Marktwirtschaft verabschiedet hat.

Ein Artikel in der Frankfurter Rundschau heute zitiert eine weitere Zahl aus dem Buchinhalt:
"300 Milliarden Euro fließen laut Adamek jährlich am Fiskus vorbei ins Ausland. Kein Aufschrei von der Polit-Prominenz: Sie zankt sich lieber darüber, ob eine Vermögenssteuer eine Neidsteuer ist, oder wer wann welche Steuer erhöht oder gesenkt hat."
Freilich wirft diese Zahl viele Fragen auf. Woher kommt diese Ziffer? Was genau bildet sie ab? Welche jährliche Summe an Steuerhinterziehung hat sie zur Folge? Jedenfalls ist es eine deutlich größere Summe als alle bislang im Zusammenhang mit bundesdeutscher Steuerhinterziehung und Kapitalflucht genannten. Wir sind gespannt darauf, welche weiteren Geschichten und Fakten aus der deutschen Steuervermeidungs- und Hinterziehungsindustrie den Weg ans Licht finden...

Kommentare:

  1. Natürlich stimmt diese Zahl von Sascha Adamek nicht; wie so vieles in seinem Buch. Er guckt immer nur auf Einzelfälle, versteht das komplexe System aber nicht, und rechnet dann munter wie ein Politiker hoch, damit die Zahlen schön dramatisch aussehen. Am Immobilienbeispiel wird das deutlich: Reparaturen sind angeblich ein "Armrechnen" und "Absetzen", obwohl die Liquidität ja abfließt, in den Wirtschaftskreislauf. Wenn man nun alle Betriebsausgaben als Steuerhinterziehung und Steuervermeidung brandmarkt, nur weil diese Möglichkeiten nicht allen Bürgern zusteht, da sie ökonomisch anders leben, dann kommt man auch leicht zu dreistelligen Milliardenbeträgen. Dass Veräußerungsgewinne aus Immobiliengeschäften zu jeder Zeit auch für Privatleute versteuert werden sollten, da bin ich auch dafür. Aber man sollte die dadurch entstehenden Auswirkungen auf die Immobiliensubstanz nicht zu gering schätzen.

    Darüber hinaus würde mich natürlich interessieren, wie Sascha Adamek den geldwerten Vorteil, den er durch die Sendung als Werbemaßnahme für sein Buch hatte, in seiner Steuererklärung angibt. Werbung ist in der ARD ja nun auch nicht gerade ganz billig - die Steuerzahlung dürfte dann deutlich über seinen Einnahmen liegen. Oder setzt er einfach nur die Fahrt- und Übernachtungskosten ab, ohne den geldwerten Vorteil zu erwähnen? ;-)

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  2. Liebe Frau Süsskind -

    das sind schwere Vorwürfe die Sie gegen Sascha Adamek vorbringen. Ich persönlich kann nicht einschätzen was dran ist weil ich das Buch noch nicht gelesen habe.
    Gleichzeitig kann ich nichts grundsätzlich falsches darin erkennen, Hochrechnungen anzustellen in solchen Fällen, in denen vollständige, bessere Daten noch nicht vorliegen.
    Zwar ist es richtig, dass man keine Hinterziehungszahlen je vollständig wird berechnen können. Andererseits bemüht sich TJN seit langem darum, dass sich internationale Foren und Gremien mit guter Ressourcenausstattung und Datenzugang der Materie koordiniert annehmen. Bisher leider vergeblich, wir hören z.B. dass sich einige Weltbank-Direktoren dagegen wehren.
    In der Diskussion um die Oxford-Studie wird im übrigen eine Haltung als sehr fragwürdig deutlich, die ausgibt dass da, wofür man heute keine gesicherten Daten habe, ein Problem nicht liegen könne (http://taxjustice.blogspot.com/2009/06/on-making-strong-assumptions-and-other.html). Man kennt das trügerische und mitunter Scheinheilige dieser Haltung ja von der Klimapolitik...

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