Mittwoch, 2. Juni 2010

Quo Vadis, Germania?

Die Welt- und Eurountergangsstimmung dieser Tage mit Ölpest, Präsidentenrücktritt und "Inflationsangst" kontrastiert auffällig stark mit einigen guten Nachrichten über Deutschland's wirtschaftliche Situation. Der Spiegel frohlockt dass Manager Deutschland zum besten Investitionsstandort in Europa küren und die BRD es gar unter die Top fünf der Welt schafft. Durch die Presse ging ebenfalls die Schlagzeile, dass in der BRD Jobs sogar inmitten der europäischen Krise entstehen und identifiziert kluge Politik als Ursache dafür (Süddeutsche).

Wie kann es sein dass Deutschland als Nutznießer der Krise sich stolz auf die Schulter klopft und völlig verkennt, dass ein, vielleicht der Hauptgrund seines derzeitigen Erfolgs, spiegelbildlich das (Schulden)problem Südeuropas ist? Kaum eine Nachricht findet sich dieser Tage im Netz darüber, wie der Schaden anderer Deutschlands Gewinn ist (Ausnahme hier und hier).

Weil der Euro zunehmend abwertet, finden deutsche Exporte, die auf Wettbewerbsfähigkeit bei einem deutlich höheren Euro getrimmt wurden, reißenden Absatz in der Welt. Weil wir Staaten mit Handelsbilanzdefiziten in der EU haben kann der Euro nicht weiter aufwerten, um den Exportüberschuss so zu schmälern dass ein Gleichgewicht mit dem Rest der Welt erreicht würde. Gleichzeitig kann der Euro, aus der Sicht des Rests der Eurogruppe, wegen Deutschland's Exportüberschüssen nicht weiter abwerten, um deren Zahlungsbilanzen auf einen nachhaltigen Pfad zurück zu holen. Darüber hinaus zahlt Deutschland so geringe Zinsen für seine Schulden wie nie zuvor weil alle anderen Eurostaaten derzeit schlechte Presse haben.

Dämmert es denn niemandem, dass es auf dieser Welt nicht nur Exportweltmeister geben kann? Soll der Mars das ganze Zeug importieren? Die deutsche Regierung und Wirtschaftsverbände tun so, als wäre die BRD der Zahlmeister Europas. Die Wirtschafts- und Politpresse stimmt unisono mit ein wie anno dazumal, indem sie die Interpretation von Wahlergebnissen und Präsidentenrücktritten auf den angeblich zu nachsichtigen Umgang mit der griechischen Krise zurückführt.

Als wäre vox populi nicht auch bisher oft daneben gelegen scheinen Journalisten gerade entweder den gut geölten Nachrichten der Wirtschaftsverbände und Meinungsforschungsinstituten auf den Leim zu gehen oder kleinliche Neidnachrichten zu veröffentlichen (z.B. hier). Ein wenig gegenseitiges Schulterklopfen ist ja schön und gut. Aber um den Preis gesunder Selbstkritik und des europäischen Zusammenwachsens? Was ist aus der biblischen Einsicht geworden, dass da wo ein Finger auf andere zeigt, immer schon drei Finger zurückweisen? Kann das Politik einer Partei sein, die dem Namen nach christliche Werte kennt? "Jedem das seine, mir das meiste" ist kaum eine der Lehren Jesu gewesen.

Es wir offenkundiger, dass die Mär über die kohäsiven Effekte des Wettbewerbs nicht wahr ist. Ohne ein deutliches Bekenntnis - in der Tat, nicht nur in Worten - zu einer Solidargemeinschaft in Europa, letztlich aller Menschen in der Welt, wird es weiteren Zerfall und bald wohl auch wieder Krieg geben. Einem Land am Abgrund einen strikten Sparhaushalt aufzuoktroyieren, gleichzeitig aber dessen Rüstungshaushalt unangetastet zu belassen, ist mehr als nur unmoralisch (Hintergrund hier und hier).

Glauben Sie wirklich, Frau Merkel, dass die Weltgeschichte und ihre Persönlichkeiten dann ihre größten Sprünge getan haben, als sie die eigenen Schäfchen ins Trockene holen und möglichst gut aussehen wollten, unter Einsatz aller verfügbaren (und versteckten) Ellbogen? Wie können wir in einer Zeit von Ölkatastrophen, Ascheeruptionen und vielerlei unheilbarer Krankheiten blindlings an der Überzeugung festhalten, wir könnten unser (nationales) Schicksal schon ganz in die Hand nehmen, wenn wir nur fest genug zupacken?

Gegenseitiges Auf- und Abrechnen erzeugt letztlich nur eine vergiftete Atmossphäre kleinlichen Neids die in verbitterter Feindseligkeit oder Zynismus mündet. Irgendwo auf diesem Weg zerbricht dann auch die europäische Idee. Wem nützt das? Wünschen sich BürgerInnen wirklich lieber den Zweit- und Drittwagen anstelle einer mutigen Vision über eine Zukunft, die sich auf Frieden und einem Maß an Opferbereitschaft gründet?

Wir brauchen internationale und europäische Lösungen auch und zuvörderst auf dem Gebiet der Steuer- und Finanzmarktregulierung, auch und vor allem gegen den Zeitgeist des ängstlichen Erbsenzählens. Wer diesen Schritt nicht mitgehen möchte, sollte außen vor bleiben. Von der Finanzindustrie gekaperte Staaten wie etwa Luxemburg dürfen nicht länger das Zünglein an der Waage spielen und Steuerkooperation blockieren können (Hintergrund hier und hier).

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

 
by Zählwerk GbR 2009-2013