Mittwoch, 29. Juni 2011

Hat die NZZ etwa einen Interessenkonflikt?

Uns erreicht gerade eine nette kleine Geschichte aus der Schweiz von einer Quelle, die lieber anonym bleiben möchte.
Ein 81 Jahre alter früherer Anwalt gab am Montag, 27. Juni vor einem Gericht in New York zu, mindestens 26,4 Millionen Dollar in der Steuererklärung nicht deklariert zu haben. Dafür wurde er zu einer Busse von 9,8 Millionen Dollar verurteilt. Ob er noch ins Gefängnis muss, will das Gericht am 27. September entscheiden.

Das Pikante daran: der saubere Anwalt hatte das Geld Ende 2005 zuerst auf einem Offshore-Konto bei der UBS platziert, um es dann Mitte 2008 zur Bank Wegelin zu transferieren, weil die UBS ins Visier der US-Behörden geraten war.

Als einen “peinlichen“ Fall für die Bank Wegelin bezeichnete dies heute der Berner „Bund“ und der Zürcher „TagesAnzeiger“ auf ihrer Website. Jetzt habe es auch die Bank Wegelin erwischt. Chef der Bank Wegelin ist Konrad Hummler (TJN: sollte unseren LeserInnen bekannt sein, etwa hier), beredte Stimme schweizerischer Privatbankiers und lauter Kritiker der offiziellen Schweizer Bankenpolitik.

Aber Hummler ist auch Präsident der Neuen Zürcher Zeitung. Die NZZ gab sich wohl deshalb bescheiden und zurückhaltend in ihrer Berichterstattung. Gestern (28.6.) publizierte sie bloß eine kurze Reuters-Agenturmeldung auf ihrer Internet-Seite (siehe hier).

Im gedruckten Blatt der NZZ: nichts, weder gestern noch heute (29.6.). Dafür findet sich heute eine kleine, blaue Annonce:

„Ich bin nicht Kunde bei Wegelin&Co., weil ich lieber in meinem Geld schwimmen gehe“. Dagobert Duck.
Wegelin & Co. Privatbankiers seit 1741. Für alle, die ihr Geld lieber anlegen. www.wegelin.ch.

Das blaue Inserat kann ich leider nicht schicken. Ich habe keinen Zugang zur online Tagesausgabe.
Wie wir an anderer Stelle berichtet haben wirkt die Schweizer Bankenlandschaft wenig vertrauenseinflößend. Ein Grund mehr kritisch zu fragen, wie die Bundesregierung auf die Idee kommt, den eidgenössischen Finanziers die faktische Besteuerungshoheit über Finanzanlagen Deutscher in der Schweiz zu übertragen.

Bundesregierung und EU müssen sich für mehr Transparenz über „Schwarzgelder“ griechischer Bürger in Schattenfinanzzentren einsetzen

Eine willkommene Pressemitteilung der Korruptionswächter von Transparency International Deutschland rief gestern die Bundesregierung und EU auf, die Empfängerseite der Steuerflucht griechischer Bürger stärker zu untersuchen. Vielleicht inspiriert von einem Beitrag auf Plus-Minus oder über Gaddafi's Milliarden auf europäischen Konten? Hier die gesamte Pressemitteilung:
Griechenland-Krise: Bundesregierung und EU müssen sich für mehr Transparenz über „Schwarzgelder“ griechischer Bürger in Schattenfinanzzentren einsetzen

Berlin, 28.06.2011 - Die Antikorruptionsorganisation Transparency International Deutschland e.V. fordert die Bundesregierung auf, sich dringend für mehr Transparenz über den Stand unversteuerter Einkünfte aus Kapitalvermögen griechischer Bürger in einschlägigen Finanzzentren einzusetzen.

Caspar von Hauenschild, Vorstandsmitglied von Transparency Deutschland: "Wir haben von vielen Korruptionsfällen der vergangenen Jahre gelernt, dass die Disposition der entsprechenden „schwarzen Kassen“ in Schattenfinanzzentren, z.B. der Schweiz, stattfand. Dort kann sich der Bestochene - als potentieller Steuerhinterzieher - durch das strenge Bankkundengeheimnis auch heute noch "gut geschützt" wähnen. Denn Geldwäschebeauftragte der Banken haben kaum eine Chance die Vortat „Bestechlichkeit“ im normalen Kontoverkehr zu erkennen."

Nach Medienberichten soll das Volumen des bspw. in der Schweiz verwalteten Kapitalvermögens griechischer Bürger SFR 600 Mrd. betragen. Die Doppelbesteuerungsabkommen nach OECD-Muster kommen für eine Abwendung des griechischen Staatsbankrotts zu spät.

Die Regierungen der Schattenfinanzzentren haben der Öffentlichkeit und den zahlreichen Gläubigern Griechenlands - darunter Deutschland - bisher noch nicht bekannt gegeben, wieviel Kapitalvermögen griechischer Bürger wirklich vorhanden ist. Unbekannt ist auch die Anzahl der sog. Amtshilfeersuchen griechischer Ermittler im Hinblick auf Steuerhinterziehung von Einkünften aus Kapitalvermögen.

Caspar von Hauenschild: "Die Weigerung von Ländern, über Volumen und Anzahl der Amtshilfeverfahren Transparenz herzustellen, trägt nicht dazu bei, einen möglichen Staatsbankrott Griechenlands abzuwenden".
Kontakt:

Caspar von Hauenschild, Vorstandsmitglied
Dr. Christian Humborg, Geschäftsführer
Transparency International Deutschland e.V.
Tel.: 030 / 54 98 98 0
Schön zu sehen, dass Transparency International diese Stellung bezieht!

Montag, 27. Juni 2011

U2, die Moral und ein gebrochener Finger

Die Zeitungen (etwa Zeit, Fokus, Bild) berichten heute über eine Protestaktion von Art Uncut, einem Teil der Steuerprotestbewegung UK Uncut (wir berichteten hier). Während eines Konzertes von U2 bliesen die Aktivisten einen großen Ballon auf mit der Aufschrift "U pay your tax 2" (etwa "bezahl du deine Steuern auch"). Beim anschließenden Einsatz der Sicherheitskräfte soll mindestens einem Demonstranten ein Finger gebrochen worden sein (hier).

Die Presse aus Österreich berichtet über den Gegenstand der Proteste:
"Die Gruppe Art Uncut wirft der Band vor, 2006 nach einer Gesetzesänderung in Irland ihren Steuerstandort in die Niederlande verlagert zu haben, um weniger Steuern zu zahlen. Damit würden sie das irische Volk nun um Steuern in Höhe von mehreren Millionen Euro bringen in einer Zeit, da es dringend Einnahmen benötige, um die Sparmaßnahmen der Regierung abzumildern, sagte der Aktivist Charlie Dewar am Freitag. "Bono ist gut bekannt für seine Kampagne gegen die Armut, doch Art Uncut wirft ihm Heuchelei vor", sagte Dewar. Der U2-Sänger leitet eine Kampagne zur Bekämpfung der Armut in Afrika."
TJN hat über die Steuerstrategie U2's immer wieder kritisch berichtet (etwa hier und hier) und gleichzeitig den Kontakt und Austausch mit U2 oder Bono gesucht - bislang leider vergeblich. Wir geben die Hoffnung aber nicht auf, dass es eine nützliche Auseinandersetzung ist, die U2 vielleicht nicht sucht, aber eine breite gesellschaftliche Debatte anstoßen könnte.

Besonders in der frommen Ecke stellen sich da bestimmt noch einige Fragen - ist es z.B. vertretbar, für die eigenen mildtätigen Projekte gesellschaftliche Regeln ohne Ansehen deren Ursprungs oder Wirkung umzudeuten? Wie wir immer wieder argumentieren ist letztlich die Frage der Unterscheidung zwischen Steuervermeidung und -hinterziehung oft eine Interpretations- und Machtfrage. Intellektuelles Eigentum, z.B. wie die Musikrechte Bono's, können von unseren Konzernen, in Kooperation mit unseren Finanzministerien, leicht dazu eingesetzt werden, dass in Entwicklungsländern keinerlei besteuerbare Gewinne mehr anfallen. Was kostet schließlich die Lizenz zum Betreiben eines McDonald's Restaurants in Botswana? Muss Botswana's Restaurant an McDonalds International etwa 1000 Euro oder eine Million jährlich für die Lizenz bezahlen? Was ist der richtige Markenwert? Allein die korrekte Bewertung von intellektuellem Eigentum bei der Berechnung der Steuerlast ist ein Ding der Unmöglichkeit und müsste konsequenterweise unberücksichtigt bleiben.

Wer für seine Handlungen eine klare Trennung zwischen frommer und weltlicher Lebenswelt vollziehen möchte läuft Gefahr vom Paulus zum Saulus zu werden. Hieß nicht einer der beiden Herren Mammon? Wer wird denn angebetet, wenn wir für ein paar Milliönchen mehr in der eigenen Tasche, die dann gleichzeitig der Gemeinschaftskasse (=Steuer) fehlen, einigen Experten Tausende bezahlen? Heiligt der Zweck die Mittel? Und was würde Jesus tun?

Freitag, 17. Juni 2011

Neueste Nachrichten - Kurzüberblick

Steuerparadies Liechtenstein: Verdrängte Milliarden (SZ)
Drei Jahre nach Zumwinkel: Deutschland macht seinen Frieden mit der Steueroase Liechtenstein.

Liechtenstein: Vaduz dringt auf Steuer-Einigung mit Deutschland (FAZ)
Noch in diesem Monat wird eine Einigung zwischen Deutschland und der Schweiz in den kniffligen Steuerverhandlungen erwartet. Zentrale Punkte sind dabei der Satz für die anonym abzuführende Abgeltungsteuer für deutsche Vermögen in der Eidgenossenschaft und die Steuern auf Schwarzgeld in der Vergangenheit.
TJN-Kommentar: Wie wir an dieser Stelle sowie hier berichtet haben, täte die Bundesregierung gut daran, die Finger von diesem Vertrag mit der Schweiz zu lassen. Die Steuergerechtigkeit würde mit diesem Vertrag einen Schritt weiter an den Abgrund gedrängt. Dass es auch anders geht zeigt der Vorstoß der USA, siehe unten.

Schweiz und USA wollen Steuerhinterziehungsfragen klären (Reuters)
Die Schweiz und die USA befinden sich nach Angaben aus amerikanischen Regierungskreisen in fortgeschrittenen Verhandlungen zur Regelung von Steuerhinterziehungsfragen.
TJN-Kommentar: Dies ist nur eine der Arten, wie die USA Deutschland vormacht, wie man mutige Schritte in Richtung Steuergerechtigkeit gehen kann. Die andere Art betrifft FATCA und den Dodd-Frank-Act. Herr Schäuble, seien Sie doch so gut!

Auslandbanken: Geldabfluss gestoppt (SRF)
Ausländische Banken, die auch in der Schweiz geschäften, melden, nur noch wenige Kunden zögen ihre Gelder aus der Schweiz ab. Im vergangenen Jahr seien es nur noch 200 Millionen Franken gewesen.

George Soros - Geheimbund Rohstoffindustrie (FTD)
Öl-, Gas- und Bergbaufirmen verdienen Milliarden. Ihr Finanzgebaren allerdings ist undurchschaubar. Es ist höchste Zeit, sie zur Offenlegung zu zwingen.

Sal. Oppenheim: Im Visier der Soko "Byzanz" (Manager-Magazin)

Den ehemaligen Bankiers von Sal. Oppenheim drohen Anklagen. Neue Dokumente belegen ihre Machenschaften detailliert. Eine Enthüllung über den bisher größten deutschen Bankenskandal in sieben Kapiteln.

BMF auf dem Kirchentag (BMF)
Am Sonntag, 5. Juni 2011, ist in Dresden der 33. Deutsche Evangelische Kirchentag zu Ende gegangen. An diesem mit 120.000 Dauerteilnehmerinnen und -teilnehmern sowie vielen Tausend Tagesbesuchern größten deutschen Protestantentreffen informierte das Bundesministerium der Finanzen (BMF) über Fakten zur Steuerpolitik.

Moritz Leuenbergers Bergpredigt in Dresden: Alt Bundesrat geisselt Diktat der Ökonomie (NZZ)
Das Christentum müsse zur Grundlage der Politik werden: Am deutschen Kirchentag in Dresden sprach alt Bundesrat Moritz Leuenberger über Gier und narzisstische Politiker.

Niebel verteidigt GIZ-Ausgaben (FR)
Ein Dementi klingt anders: Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel bezeichnet Vorwürfe, nach denen Vorstände der bundeseigenen GIZ erster Klasse fliegen und einen Luxus-Fuhrpark nutzen, als „bemerkenswerten Neidvorgang“.

Steuer sparen als Trittbrettfahrer (FTD)
Streitigkeiten mit dem Fiskus um Geldanlagen landen immer häufiger bei höchsten Gerichten. Privatinvestoren können das für sich nutzen, indem sie sich an laufende Prozesse anhängen. Ein juristischer Erfolg ist dann auch ihrer.
TJN-Kommentar: Wie TJN an vielen Stellen versucht zu erklären sind die gegenwärtigen internationalen Steuerregeln (von der OECD gemacht!!!) weich wie Gummi und bieten einer Speckschicht aus Anwälten, Bankern und Wirtschaftsprüfern ein prächtiges Auskommen, während Otto Normalverbraucher hier und in Entwicklungsländern die Zeche bezahlen. Die Streitigkeiten, von denen die FTD hier schreibt, sind nur eine Spitze des Eisbergs, welche die Hauptauseinandersetzungen, die oft hinter den Kulissen zwischen Großkonzernen und Finanzministerien stattfinden, übersieht. Die Unterscheidung zwischen Steuervermeidung und -hinterziehung ist dabei, wie hier erklärt ist, äußerst schwammig und oft nur eine Frage des Zeitpunkts: vor oder nach Gerichtsverhandlung.

Gewerkschaftschef Dieter Ondracek tritt nach 15 Jahren ab (SZ)
Journalisten rufen mehr oder weniger wichtige Menschen besonders dann gerne an, wenn diese klare Worte bevorzugen. Einer von ihnen ist Dieter Ondracek, der Chef der Deutschen Steuergewerkschaft (DSTG), die Interessen der Mitarbeiter und Beamten in der Finanzverwaltung vertritt.

FDP macht Ärzten Milliardengeschenk (FTD)
Gut versteckt im Bandwurmsatz einer Gesetzesnovelle haben die Krankenkassen ein Milliardengeschenk des FDP-Gesundheitsministers an die Ärzte entdeckt: das Ende der Honorardeckelung.

Bankmanager kassieren fast 40 Prozent mehr (FTD)
Richtig berauschend verlief 2010 für die globale Geldbranche nicht. Für die Vergütung in der Chefetage spielt das kaum eine Rolle - die Topleute heimsten erheblich mehr ein als im Vorjahr. Ganz vorne mit dabei: JP Morgan und Goldman Sachs.

Verdacht auf Steuerhinterziehung: Gericht lässt Ermittlungen gegen Santander-Chef zu (FTD)
Geld in der Schweiz könnte Emilio Botín und seiner Familie zum Verhängnis werden. Alles rechtmäßig, sagt der Vorsitzende der größten spanischen Bank. Die Justiz ermittelt trotzdem.

Betrug in China: Beamte schmuggelten riesige Geldsummen aus dem Land (Spiegel)

Ein geheimer Bericht sorgt für massive Empörung in China: Nach Angaben der Notenbank schmuggelten korrupte Regierungsbeamte binnen 15 Jahren rund 123 Milliarden Dollar aus dem Land - oft in die USA. Das Dokument entlarvt auch die beliebtesten Tricks der Betrüger.

Österreich Bankgründung: Geld ist gut (SZ)
Die Globalisierungskritiker von Attac sind eigentlich nicht gut auf Banken zu sprechen. Doch in Österreich wollen die Aktivisten nun selber ein Finanzinstitut gründen, das mit linken Idealen auf Kundenfang gehen soll. Eine Bank neu aufzubauen, ist allerdings ein finanzielles und rechtliches Abenteuer.

Auswirkungen von prekärer Arbeit, Steueroasen und Lobbying: Die ICAE-Sommerakademie lüftet die Geheimnisse des Kapitalismus (OTS)
ICAE Sommerakademie des Instituts für die Gesamtanalyse der Wirtschaft in Kooperation mit der Arbeiterkammer. Die Arbeitssituation vieler Menschen verschlechtert sich drastisch, prekäre Arbeitsverhältnisse wie Leiharbeit nehmen zu. Dies ist ein Thema der heurigen Sommerakademie des Instituts für die Gesamtanalyse der Wirtschaft (ICAE), die in Kooperation mit der AK von 23. bis 25. Juni in Steyregg stattfindet.

Freitag, 10. Juni 2011

Die OECD, interne Verrechnungspreise und mundtote Entwicklungsländer

Die Fassade der OECD glitzert. Als zwischenstaatlicher "think tank" der westlichen Welt gibt sie sich gerne den Anstrich ungezwungener, sachlicher, lockerer und objektiver Politikformulierung und -forschung. In den vergangenen Wochen und schon viel früher haben wir versucht, ein anderes, vollständigeres Bild zu zeichnen (hier und hier und hier) - vor allem deswegen, weil die OECD seit Gedenken eifersüchtig behauptet, die alleinige Gralshüterin der internationalen Steuerregeln zu sein (etwa hier). Dass sie dabei nicht fair spielt ist noch wenig bekannt. Nun gibt es Neuigkeiten aus New York.

Am Dienstag und Mittwoch fand dort ein großes informelles Treffen der UN-Steuerexperten statt, an denen auch TJN mehrfach vertreten war, unter anderem durch Martin Hearson (ActionAid), David McNair (ChristianAid), Jim Henry (TJN-US) und TJN's Senior Advisor David Spencer. Die Rede von David Spencer hat es mächtig in sich und statt dem Versuch einer Übersetzung hier der Verweis auf die Synopsis im englischen Blog (hier) und die ganze Rede (hier).

Eine wichtige Information aus dem Blog sei jedoch hervorgehoben für all jene, die sich fragen, warum das UN-Kommittee in den letzten Jahren auf Kuschelkurs mit der OECD schien (die Info stammt aus interner Kommunikation). Tatsächlich hat die OECD seit 2004 die informelle Kontrolle über das UN-Kommittee mit seinen 25 Mitgliedern übernommen:
One thing that needs to be done is to modify the membership of the UN committee. The OECD has the usual 10 votes from OECD developed countries and then has additional votes from OECD developing countries (Korea, Mexico, Chile). That gives a voting majority, not even counting eastern European countries. The committee membership is changed every 4 years. OECD grabbed control of the committee some years ago in the transition from a UN group to a committee when the Secretariat lost control of the selection process with the retirement of Hamid Bouab.
Die Bedeutung der Zusammensetzung dieses Gremiums kann nicht genug betont werden für alle, denen Gerechtigkeit und Armutsbekämpfung auf dem Herzen liegt. Die Auseinandersetzung darum wird einmal mehr ein Kampf David gegen Goliath. Allen LeserInnen dieses Blogs sei dieses Anliegen aufs Herz gelegt - ob politische Lobbyarbeit, Forschung, Spenden oder Gebet - alles wird von Nöten sein, wenn der unseelige OECD-Einfluss auf die internationalen Steuerregeln zurück gedrängt werden soll.

Mittwoch, 8. Juni 2011

Microsoft nutzt Steuerschlupflöcher

...schreibt die FTD in ihrer Printausgabe. Näher schreibt sie dazu:
"US-Börsenaufsicht zwingt Softwarekonzern zur Offenlegung von Geldflüssen aus dem Ausland

[...] Microsoft zählt zu den Unternehmen, die sich das irische Steuergesetz zunutze machen. Mittels dieser Strategie können dort auf legale Weise Gewinne in und aus Tochtergesellschaften befördert werden, wodurch die Einkommensteuer des Landes in Höhe von 12,5 Prozent umgangen werden kann. Der US-Suchmaschinenbetreiber Google, der im Dezember ähnliche Anfragen der SEC erhalten hatte, und das Onlinenetzwerk Facebook bedienen sich ebenfalls Taktiken dieser Art."
Den LeserInnen unseres Blogs dürfte einiges bekannt vorkommen. Wir berichteten über Google, Irland und eine neue US-Gesetzgebung, die eine solche Offenlegung nicht nur im Einzelfall ermöglicht, sondern für alle Unternehmen im Rohstoffsektor erforderlich macht. Besonders das Wörtchen "unverhältnismäßig" im folgenden Absatz lässt uns aufhorchen - macht man sich in den USA etwa Gedanken zu einer Aufteilung der Besteuerungsgrundlage anhand von Bestandsgrößen (siehe unseren Bericht zur europäischen GKKB)?
"Ausgelöst wurde die Diskussion über die Steuerstrategie durch die Fragen der SEC zu dem nach ihren Worten „unverhältnismäßigen“ Anteil an Microsofts Gewinn, der aus bestimmten Auslandssparten stammt. Vergangenes Jahr stammten rund 62 Prozent der Gewinne aus eben diesen Ländern, obwohl sie nur 42 Prozent zu Microsofts Auslandsumsatz beitrugen. Microsoft räumte ein, teilweise davon profitiert zu haben, dass Umsätze durch Niederlassungen in den Nied-rigsteuerregionen Irland, Singapur und Puerto Rico gelenkt wurden. Dies habe dazu geführt, dass ein größerer Gewinnmix zu niedrigeren Sätzen im Ausland besteuert wurde."
Das ist das A und O der Steuervermeidung (hier): man öffnet hier eine Holding, leiht sich dort die gesamte Unternehmensfinanzierung, und schwupps, ist die Steuerlast nur noch minimal. Das ist kein Zufall. Die aggressive Vermeidung von Steuern ist das täglich Brot einer ganzen Finanzindustrie. Wenn Steuerbehörden gut ausgestattet sind, und der politische Wille da ist, fechten die Steuerbehörden ab und zu Gerichtsprozesse gegen Konzerne aus, und stellen währenddessen fest, dass es doch nicht nur völlig legal zuging. Man einigt sich dann auf einen Vergleich, damit die Kosten für die Verhandlungen nicht noch höher werden, das Unternehmen zahlt drauf, und die Sache verschwindet in der Versenkung (Beispiel hier).

Neben den Bevölkerungen der USA und EU leiden aber vor allem die Menschen in Entwicklungsländern unter den löchrigen internationalen Regeln der Unternehmensbesteuerung. Entwicklungsländer entgeht so jährlich ein Vielfaches dessen, was sie an Entwicklungshilfe erhalten (GFI-Report hier). Jüngste Beispiele zeigen dies anschaulich am Bierhersteller SABMiller oder Glencore jeweils im Zusammenhang mit den Steuerverlusten afrikanischer Staaten.

Zurück zum FTD-Artikel: Eine sehr gute Frage stellt die SEC außerdem hiermit:
"Außerdem wollte die SEC von Microsoft wissen, warum das Unternehmen durch Anleiheemissionen Geld in den USA geliehen hat, obwohl es große Barreserven und kurzfristige Investitionen in der Bilanz ausweist."
Wie wir an anderer Stelle argumentieren, ist die steuerliche Bevorzugung von Schulden gegenüber Eigenkapital ein riesiger blinder Fleck bei Fragen der internationalen Finanzmarktstabilität (siehe hier). Deshalb zielt diese Frage auf einen kritischen Punkt.

Es ist höchste Zeit, dass die EU die US-Transparenzgesetzgebung im Dodd-Frank-Act übernimmt, erweitert und zu einem vollständigen Country-by-Country Reporting ausbaut, wie es TJN seit langem fordert. Die Fragen werden dann noch viel besser...

Mittwoch, 1. Juni 2011

FTD goes TJN

Wir freuen uns über eine Kolumne gestern in der Financial Times Deutschland. Tobias Bayer berichtet in "Fiese Flucht der Konzerne ins Steuerparadies" über einige der Themen TJN's flüssiger und anschaulicher, als es TJN je könnte. Leider verbirgt sich der ganze Artikel hinter einem Bezahlservice, darum können wir hier nur kleine Auszüge bringen.
"Die Staatsdefizite sind nach der Krise enorm gestiegen. Konzerne und Vermögende drücken sich in Jersey oder auf den Kaimaninseln vor der Rechnung. Das sollte nicht geduldet werden.
Das Transportieren von Gütern aller Art von A nach B ist meistens aufwendig und selten lukrativ. Der Rohstoffhändler Glencore scheint da eine Ausnahme zu sein. Nach dem Börsengang Mitte Mai ist klar, dass Vorstandschef Ivan Glasenberg rund 10 Mrd. Dollar schwer ist.
Wie kann das sein? Vielleicht sind solche extremen Summen teilweise einer geschickten Standortpolitik geschuldet. Steuerlicher Sitz Glencores ist das kleine Städtchen Baar im Niedrigsteuerkanton Zug. Rechtlicher Sitz ist seit 14. März die Kanalinsel Jersey, die bekannt ist für Laisser-faire: Klagen von Aktionären dürften dort geringe Chancen haben. Die Finanzierungsgesellschaft Glencore Finance operiert von Luxemburg aus."
Die Freude ist auch deshalb groß, weil die deutsche Tochter FTD im Gegensatz zur britischen Financial Times die Themen von Tax Justice Network bislang geflissentlich übersehen hat. Zwar erwähnt auch dieser Artikel (noch) nicht explizit TJN, dennoch werden neben den Zahlen von TJN's Partnerorganisation Global Financial Integrity sowie Nicholas Shaxson's Buch einige unserer Themen und Politikempfehlungen aufgegriffen. Das ist schließlich die Hauptsache! Wir hoffen jedenfalls, dass dieser Artikel nicht nur eine Eintagsfliege ist, sondern ein kleiner Vorgeschmack auf kommende Annäherung war.

Noch ein Schmanckerl zum Abschluss:
"Mehr Transparenz hilft auf jeden Fall. Konzerne sollten offen-legen, in welchen Ländern und mit je-weils wie vielen Mitarbeitern sie wie viel Umsatz und Gewinn machen. Die internationalen Rechnungslegungs-standards sollten solch eine Auf-schlüsselung vorschreiben. Einfach wird schon das nicht, hat das IASB – das Gremium, das für den Standard IFRS zuständig ist – doch selbst sei-nen Sitz in Delaware."
Viel Spaß beim Lesen (hier klicken) -
 
by Zählwerk GbR 2009-2013