Montag, 23. Juli 2012

Wirtschaftliche Ungleichheit größer als befürchtet

Eine gestern veröffentlichte Studie des Tax Justice Network zeigt, dass die Unterschiede nach Vermögen und Einkommen zwischen Arm und Reich noch größer sind, als bisher angenommen wurde – zwischen 21 und 32 Billionen US-Dollar werden in Steueroasen gebunkert.


Die Ungleichheit in Einkommen und Vermögen zwischen reichen und armen Menschen hat mittlerweile Dimensionen angenommen, die nicht nur moralische, sondern auch wirtschaftliche und politische Probleme aufwerfen. Nach Zahlen von UNICEF aus dem Jahr 2011 z.B. verfügt das reichste Fünftel der Menschheit über mehr als 80 Prozent der weltweiten Einkommen. Eine neue Studie des Tax Justice Network kommt nun nach Auswertung der von reichen Personen in Steuer- und Verdunkelungsoasen gehorteten Vermögen zu dem Schluss, dass selbst diese alarmierenden Zahlen noch kein realistisches Bild liefern.

Unter den Titel "Inequality: You Don't Know the Half of It" kommen die Autoren Nicholas Shaxson, John Christensen und Nick Mathiason zu dem Schluss, dass viele Billionen an privaten Vermögen bisher nicht in die Berechnung von Einkommens- und Vermögensungleichgewichten einbezogen worden sind. Wenn solche Vermögen in Steuer- und Verdunkelungsoasen angelegt sind, wo die tatsächlichen Eigentümer teilweise nicht registriert werden müssen, können sie für die Berechnungen der Statistiker nicht herangezogen werden.

Obwohl einige Studien versuchen, diesen Mangel auszugleichen, so die Autoren, gebe es einen wissenschaftlichen Konsens, dass die veröffentlichten Zahlen bisher noch kein ausreichend akkurates Bild der Wirklichkeit liefern. In einer zeitgleich vorgelegten Studie von James S. Henry, dem ehemaligen Chefvolkswirt der Unternehmensberater von McKinsey, schätzt das Tax Justice Network, dass mehr als 21 Billionen US-Dollar an Finanzvermögen von reichen Individuen auf Konten in Steuer- und Verdunkelungsoasen gebunkert wird. Auch das aus diesen Vermögen erwirtschaftete Einkommen bleibt großteils unterbelichtet. Dabei sind auch Henrys Zahlen nur konservative Schätzungen. Sie beziehen sich ausschließlich auf Finanzvermögen und klammern von Offshore-Zentren aus verwalteten Immobilienbesitz und andere Vermögenswerte aus. Es sind weniger als 10 Millionen Personen, die über diesen Reichtum verfügen. Auf weniger als 100.000 Personen entfallen ganze 9,8 Billionen US-Dollar – beinahe zwei Drittel des BIP der Europäischen Union.

Der Entzug solch enormer Summen (zum vergleich: das BIP aller EU-Staaten beträgt etwas mehr als 15 Billionen US-Dollar) vor staatlicher Kontrolle hat bedeutende politische und wirtschaftliche Folgen. So entgehen den Staaten ca. 189 Milliarden US-Dollar pro Jahr an Steuereinnahmen durch ausbleibende Steuern auf die Renditen dieser Vermögen. Außerdem betont die Studie, dass viele Länder mit hoher Auslandverschuldung tatsächlich Netto-Kreditgeber an die Welt sind – wenn man die im Ausland gehorteten Vermögen Ihrer Einwohner mit einberechnet: 139 Länder mit geringem bis mittlerem Einkommen stehen mit ca. 4,1 Billionen US-Dollar in der Kreide. Verrechnet man allerdings die in Steuer- und Verdunkelungsoasen geparkten Vermögen Ihrer reichsten Bürger, verfügen diese Länder über einen Überschuss von 10 bis 13 Billionen US-Dollar.

Die Bericht können hier eingesehen werden:

The Price of Offshore Revisited: New Estimates for "Missing" Global Private Wealth, Income, Inequality, and Lost Taxes
Key Issues
Main Report

Inequality: You don't know the half of it (Or why inequality is worse than we thought)
Main Report
Appendix 1: The pre-history of offshore estimates
Appendix 2: Explaining Capital Flight
Appendix 3: Part 1 | Part 2

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