Donnerstag, 29. November 2012

Afrika - Der ausgeraubte Kontinent

Nach der Permiere des Films "Stealing Africa" (zu deutsch: Afrika - der ausgeraubte Kontinent) bei der Konferenz "Steuergerechtigkeit - Menschenrechte - Zukunftsgerechtigkeit" am 27.11. in Berlin, ist die Dokumentation nun auch beim deutsch-französischen Sender Arte gelaufen. Hier bzw. auf der Webseite des Senders steht er zum Nachsehen zur Verfügung.
Der Film ist Teil einer globalen Kampagne unter dem Motto "Why Poverty", zu der außerdem noch Filme zu Themen wie Ungleichheit und Landgrabbing gehören.



Zur Anregung hier der (gekürzte) Ankündigungstext von der Arte-Webseite:
"Rüschlikon ist ein idyllisches Dorf in der Schweiz, im Kanton Zürich. Die Bewohner führen dort ein geruhsames Leben ohne Stress und Hektik. Hier ist die Welt noch in Ordnung, Hunger und Armut sind nahezu unbekannt. Und Arbeitslosigkeit und soziale Probleme eher eine Seltenheit. Der Wohlstand der Gemeinde wurde durch den Zuzug von Herrn Ivan Glasenberg enorm vermehrt. Denn Ivan Glasenberg ist nicht irgendjemand. Er ist Geschäftsführer des Rohstoffgiganten "Glencore". Sein Konzern machte 2011 einen Nettoumsatz von 9,6 Milliarden Dollar. Das immense Steueraufkommen von Neubürger Glasenberg spülte Millionen von Dollar in die Kassen der Finanzbehörden in Rüschlikon, so dass sich der Bürgermeister gezwungen sah, den Steuersatz im Dorf drastisch zu senken. [...]
Aber woher kommt der immense Reichtum von Herrn Glasenberg? Ein Blick nach Sambia bringt Licht in das finanzielle Dickicht der vielschichtigen Steuermanipulationen. Sambia ist reich an Bodenschätzen und hat das weltweit drittgrößte Kupfervorkommen. Aber die Bürger in Sambia bekommen von den hohen Erträgen aus ihren in internationalem Besitz befindlichen Kupferminen nichts zu sehen. [...]"

Samstag, 24. November 2012

Schiffbruch im Steuerstreit – jetzt sind zukunftsfähige Lösungen gefragt

Ein erster oberflächlicher Blick in die Pressereaktionen auf das im Bundesrat gescheiterte Steuerabkommen zwischen der Schweiz und Deutschland könnte den Eindruck erwecken, es habe in der Schweiz eine einheitliche Position für das Abkommen gegeben und es sei nun die Enttäuschung groß. Um diesem Eindruck zu begegnen, dokumentieren wir hier die Pressemitteilung unserer Kollegen von Alliance Sud und der Erklärung von Bern.

Wie erwartet hat heute der Deutsche Bundesrat das Abgeltungssteuerabkommen mit der Schweiz versenkt. Nach diesem Scheitern der Strategie des schweizerischen Bundes­rates sollte die Schweiz endlich den Widerstand gegen den automatischen Informations­austausch aufgeben. Davon würden auch die Entwicklungsländer profitieren.

Für das deutsche Nein waren die „Abschleicher“-Problematik, die leichten Umgehungsmöglich­keiten über Stiftungen und Trusts sowie die prinzipielle Verletzung der Steuergerechtigkeit ausschlaggebend. Dies zeigt, dass weitere Ausweichmanöver der Schweiz keine Zukunft haben. Jetzt braucht es den automatischen Informationsaustausch. Nur er garantiert, dass im Ausland angelegte Vermögen nach den Regeln, den Steuersätzen und der Progression des Herkunftslandes besteuert werden können.

Aus entwicklungspolitischer Sicht besonders stossend an der bisherigen Strategie des Schweizer Bundesrates war, dass Entwicklungsländer implizit ausgeschlossen waren. Die Zahl der Abgeltungssteuerabkommen, welche die Schweizer Banken umsetzen können, ist technisch begrenzt. Dass Entwicklungsländer ohne grosses Droh- und Druckpotential leer ausgehen würden, versteht sich von selbst.

In den letzten Monaten hat der automatische Informationsaustausch dafür weitere Etappen auf dem Weg zum global gültigen Standard der internationalen Steuertransparenz zurück gelegt. Die USA führen mit dem Foreign Account Tax Compliance Act (FATCA) den automatischen Informationsaustausch unilateral ein. Auch Schweizer Banken werden ab 2013 dem US-Steueramt Informationen liefern.

Ein multilaterales Regime des automatischen Informationsaustauschs könnte nicht nur die Einnahmen zur Entwicklungsfinanzierung steigern, sondern auch die Qualität der Regierungsführung und die Rechenschaftspflicht gegenüber der Bevölkerung verbessern. Würde die Schweiz ihre grundsätzliche Ablehnung gegen wirksame Kooperation in Steuerfragen aufgeben, so könnte sie die neuen Regeln aktiv mitgestalten. Sie wäre dann auch in einer Position, um sich gegen andere Steuerschlupflöcher, beispielsweise angelsächsische Trusts, stark zu machen.

Für weitere Informationen siehe das Dossier zu Steuern und Entwicklung oder bei:

Andreas Missbach, Erklärung von Bern, 044 277 70 0
Mark Herkenrath, Alliance Sud, 078 699 58 66

Alliance Sud und die Erklärung von Bern sind Mitglied des Tax Justice Network/Internationales Netzwerk für Steuergerechtigkeit.

Freitag, 23. November 2012

Bündnis begrüßt Nein des Bundesrates zum Steuerabkommen


Pressemitteilung des Bündnisses „Kein Freibrief für Steuerbetrüger“

Werkzeugkasten voller Maßnahmen gegen Steuerflucht präsentiert / Maßnahmenkatalog an Ministerpräsident Kretschmann und Finanzminister Walter-Borjans überreicht / „Bund und Länder müssen sich konsequent gegen Steuerbetrug zur Wehr setzen“

Berlin, 23.11.2012. Das Bündnis „Kein Freibrief für Steuerbetrüger“ begrüßt das Nein des Bundesrats zum Steuerabkommen mit der Schweiz und fordert Bund und Länder auf, jetzt konsequent gegen Steuerbetrug und Steueroasen vorzugehen. Vor dem Bundesrat präsentierten Aktivistinnen und Aktivisten des Bündnisses einen Werkzeugkasten voller Maßnahmen gegen Steuerflucht: Einen Schraubenschlüssel zum Geldhahn-Aufdrehen für mehr Steuerfahnder, Fugengips und Spachtel zum Stopfen von Steuerschlupflöchern und eine Zwinge zum Steueroasen-unter-Druck-setzen. Außerdem überreichten sie einen detaillierten Maßnahmenkatalog an Ministerpräsident Kretschmann und NRW-Finanzminister Walter-Borjans.

„Heute ist ein guter Tag für Steuergerechtigkeit: Schäubles Klientelpolitik für Steuerbetrüger ist gescheitert. Nicht Kuscheldiplomatie trocknet Steueroasen wie die Schweiz aus – sondern konsequenter Druck, wie ihn die USA ausüben. Jetzt müssen Bund und Länder das Nein zum Steuerabkommen zum Auftakt für ein konsequentes Vorgehen gegen Steuerbetrug machen“, sagt Susanne Jacoby vom Kampagnennetzwerk Campact.

„Statt weiter auf nationale Alleingänge zu setzen, muss sich die Regierung jetzt für ein entschlossenes Vorgehen aller EU-Mitgliedsstaaten gegen Steueroasen einsetzen. Die Schweiz muss endlich auch den automatischen Informationsaustausch übernehmen und das Bankgeheimnis aufgeben. Das Scheitern des anonymen Amnestie-Abkommens macht den Weg dafür jetzt frei“, ergänzt Markus Henn vom Tax Justice Network.

„Eineinhalb Jahre haben wir Bürger dafür gestritten, dass das Amnestie-Abkommen mit der Schweiz scheitert. Immer wieder haben wir uns dafür eingesetzt, dass die Front der SPD- und Grünen-regierten Länder gegen das Abkommen nicht bröckelt – und Schäuble keine Länder herauskauft. Das Scheitern des Abkommens zeigt, dass Bürgerprotest sich lohnt“, so Silke Oetsch von Attac.

Das Kampagnenbündnis „Kein Freibrief für Steuerbetrüger“ wird getragen vom Kampagnennetzwerk Campact, Tax Justice Network, Attac Deutschland, der Verdi-Fachgruppe Finanz- und Steuerverwaltung, der Initiative Vermögender für eine Vermögensabgabe, Medico International und dem Südwind-Institut. Einen Appell des Bündnisses gegen das geplante Steuer-Abkommen haben im Internet bereits über 110.000 Menschen unterzeichnet (https://www.campact.de/steuerflucht/ oder http://www.attac.de/aktuell/steuerflucht/online-aktion).

Maßnahmenkatalog gegen Steuerflucht: http://bit.ly/massnahmenkatalog


Pressekontakte:

Susanne Jacoby, Campact, jacoby@campact.de, mobil: 0151-505 24 684
Markus Henn, Tax Justice Network, markus.henn@weed-online.org, mobil: 0176-37630916
Silke Ötsch, Attac Deutschland, silke.oetsch@attac.de, mobil: 0043-(0)699-1810 2148

Donnerstag, 22. November 2012

Bündnis legt Maßnahmenkatalog mit Alternativen zum Steuerabkommen vor

Pressemitteilung des Bündnisses „Kein Freibrief für Steuerbetrüger“

Bund und Länder müssen wirksame Maßnahmen gegen Steuerflucht ergreifen / Forderungskatalog  vorgelegt / „Scheitern des Steuerabkommens muss zum Auftakt für konsequentes Vorgehen gegen Steuerflucht werden“

Berlin/Frankfurt am Main, 22.11.2012. Einen Tag vor der Abstimmung im Bundesrat über das Steuerabkommen mit der Schweiz legt das Bündnis „Kein Freibrief für Steuerbetrüger“ einen Maßnahmenkatalog mit Alternativen zum Steuerabkommen vor. Die im Bündnis vertretenen Organisationen fordern die von SPD und Grünen geführten Bundesländer auf, das Abkommen im Bundesrat abzulehnen und effektive Maßnahmen gegen Steuerbetrug zu ergreifen. „Das Scheitern des Steuerabkommens muss zum Auftakt für ein wirksames und konsequentes Vorgehen gegen Steuerflucht auf allen politischen Ebenen werden“, fordert Susanne Jacoby vom Kampagnennetzwerk Campact mit Blick auf die Zukunft.

Dazu gehöre etwa eine Stärkung des Personals in Steuerbehörden, ein Unternehmensstrafrecht, um  Banken für die Beihilfe zur Steuerhinterziehung auch strafrechtlich belangen zu können, die geplante Verschärfung der EU-Zinsrichtlinie, eine Ausweitung des automatischen Informationsaustauschs auf weitere Drittländer und eine strenge Definition von Steueroasen.

Viele der geforderten Maßnahmen sind direkt in Deutschland umsetzbar. „Wir müssen nicht auf Fortschritte auf internationaler Ebene warten: Bund und Länder können selbst aktiv werden“, erklärt Silke Oetsch von Attac Deutschland. Ralf Krämer von ver.di ergänzt: „Steuerflucht und Steuerbetrug müssen konsequent bekämpft und inländische Steuerquellen möglichst vollständig ausgeschöpft werden.“

Für die EU- und internationale Ebene betont Markus Meinzer vom Tax Justice Network: „Statt eines unübersichtlichen Geflechts bilateraler Verträge und Sonderregelungen braucht es ein gemeinsames, koordiniertes Vorgehen gegen Steuerbetrug. Mit einem geschlossenen Vorgehen könnten die EU-Staaten weit mehr erreichen als in bilateralen Verhandlungen.“

Das Kampagnenbündnis „Kein Freibrief für Steuerbetrüger“ wird getragen vom Kampagnennetzwerk Campact, Tax Justice Network, Attac Deutschland, der Verdi-Fachgruppe Finanz- und Steuerverwaltung, der Initiative Vermögender für eine Vermögensabgabe, Medico International und dem Südwind-Institut. Einen Appell des Bündnisses gegen das geplante Steuer-Abkommen haben im Internet bereits über 110.000 Menschen unterzeichnet (https://www.campact.de/steuerflucht/ oder http://www.attac.de/aktuell/steuerflucht/online-aktion).

Maßnahmenkatalog als pdf herunterladen: http://bit.ly/massnahmenkatalog

Pressekontakte:
Susanne Jacoby, Campact, jacoby@campact.de, tel. 04231-957 457
Ralf Krämer, ver.di – Bereich Wirtschaftspolitik, ralf.kraemer@verdi.de, tel.: 030-6956 1137
Markus Meinzer, Tax Justice Network, markus@taxjustice.net, mobil: 0178-340 5673
Silke Oetsch, Attac Deutschland, silke.oetsch@attac.de, mobil: 0043-(0)699-1810 2148

Mittwoch, 14. November 2012

Totenglöckchen für Schweizer Steuerabkommen - Morgenluft für Steuergerechtigkeit

Frontal 21 berichtete gestern in "Kampf gegen Steuerhinterziehung: Razzien bei deutschen UBS-Kunden" über die jüngsten Ereignisse bei der UBS Deutschland und deren Konsequenzen für das Steuerabkommen mit der Schweiz. Im Aufmacher heißt es:
"Die Staatsanwaltschaft Bochum hatte schon früher Ermittlungen im Zusammenhang mit gekauften Datenträgern eingeleitet. Das Finanzministerium in Düsseldorf erklärte, seit 2010 seien insgesamt sechs CDs aus der Schweiz mit den Daten mutmaßlicher deutscher Steuerhinterzieher gekauft worden. Beim jüngsten Erwerb waren auch die Daten von UBS-Kunden dabei.

Beihilfe zur Steuerhinterziehung?
UBS-Mitarbeiter stehen schon länger im Verdacht, auch bei deutschen Kunden Beihilfe zur Steuerhinterziehung zu leisten. Frontal21 berichtete mehrfach darüber. So hatten sich Frontal21-Reporter unter anderem als Anleger ausgegeben, die unversteuertes Geld ins Ausland schaffen wollten. Ein Schweizer Außendienstmitarbeiter bot den Reportern daraufhin an, das Geld in der Schweiz so anzulegen, dass die deutschen Behörden keinen Zugriff hätten. Vor wenigen Tagen teilte die Staatsanwaltschaft Mannheim mit, dass sie gegen Mitarbeiter der UBS wegen des Verdachts der Beihilfe zur Steuerhinterziehung ermittle.

Die größte Schweizer Bank UBS hatte bereits vor mehreren Jahren Geschäftsmodelle entwickelt, die ihr eine wohlhabende internationale Kundschaft bringen sollten. In den USA warben UBS-Berater zum Beispiel für Geldanlagen, bei denen der amerikanische Fiskus leer ausging, weil eine Scheinfirma zwischengeschaltet war. Als die Geschäfte aufflogen, wurde die UBS zu einer Strafzahlung von umgerechnet 610 Millionen Euro und zur Herausgabe von über 4500 Kundendaten verurteilt."



Der Beitrag ist sehr sehenswert und fasst die Entwicklungen der letzten Jahre um das Schweizer Bankgeheimnis gut zusammen.

Wo nun das endgültige Aus für das Steuerabkommen mit der Schweiz  näher rückt, da sollten die (besseren) Alternativen noch weiter ins Zentrum der öffentlichen Debatte rücken. Da wäre zum Beispiel die zügige Überarbeitung der EU-Zinsrichtlinie (siehe hier, Seite 18) sowie ein deutsches Äquivalent zum US-Gesetz FATCA (siehe hier, Seite 22). 

In diesen beiden Extra-Interviewbeiträgen mit Finanzminister Nils Schmid aus Baden Württemberg sowie mit einem gewissen Markus Meinzer finden Sie noch weitere Hintergründe zum Thema, darunter die Notwendigkeit für einen multilateralen Ansatz zur Bekämpfung von Steuerhinterziehung in Europa und die dazugehörige traurige Blockaderolle Österreich's und Luxemburg's .

Dienstag, 13. November 2012

Liechtenstein: Expertenlob trotz krummer Geschäfte

Der Bundestag hat am 25. Oktober das Doppelbesteuerungsabkommen mit Liechtenstein mit den Stimmen der Regierungsfraktionen und der SPD beschlossen. Nur Grüne und Linke stimmten schließlich dagegen, die SPD meldete zumindest Bedenken im Ausschuss an. Die starke Kritik von TJN in der Anhörung blieb damit leider ungehört. Immerhin hatte die TJN-Kritik dazu geführt, dass trotz der sonst einseitigen Besetzung die erste Meldung des Bundestags noch übertitelt war: „Steuerabkommen mit Liechtenstein unterschiedlich bewertet“. Vielleicht war irgendjemandem in der Bundestagsverwaltung diese Überschrift dann doch nicht regierungskonform genug. Im – ansonsten wortgleichen – Textarchiv des Bundestages heißt es nun in der Überschrift: „Experten loben Steuerabkommen mit Liechtenstein“.

Die lobenden Experten in der Anhörung wurden damals nicht müde, alle Kritik an Liechtenstein als falsch oder überholt abzutun. Doch verschiedene Meldungen in den letzten Wochen zeigen, dass die Kritik von TJN weder falsch noch überholt ist:
Anfang Oktober kam heraus, dass der frühere Chef der österreichischen Gasgesellschaft BEGAS, Johannes Sirmandl, rund 10 Millionen Euro in Liechtensteiner Stiftungen geparkt haben soll.
Wie aktuelle Ermittlungen zeigen, soll die Fleischindustrie-Familie Tönnies Liechtensteinische Stiftungen zur Steuerhinterziehung genutzt haben. Wie das Handelsblatt am 6.11.2012 ausführt, kamen die Ermittlungen erst durch eine Selbstanzeige von einem Mitglied der Tönnies-Familie im Mai dieses Jahres in Gang. Diese dürfte eher auf die Angst vor einem neuen Datenleck als auf die Politik von Liechtenstein zurückgehen.
Wahrscheinlich werden wir von den meisten fortbestehenden Stiftungen zum Zweck der Steuerflucht aber auch erst wieder erfahren, wenn es einen neuen Heinrich Kieber gibt.

Sonntag, 11. November 2012

Trotz Schlupflöchern: Schweiz und Griechenland verhandeln über die Abgeltungssteuer

Ein Gastbeitrag von Mark Herkenrath, Alliance Sud

Die Schweizer Regierung tut, was sie kann, um den automatischen Informationsaustausch in Steuerfragen abzuwehren. Indirekt behindert sie auch mögliche Fortschritte bei der Revision der EU-Zinsbesteuerungsrichtlinie. Wichtigstes Instrument ihrer Strategie ist der Vorschlag einer anonymen Abgeltungssteuer. Dazu führt sie seit letztem Mittwoch nun auch offizielle Verhandlungen mit Griechenland. Mit Italien sind seit dem Frühling dieses Jahres regelmässige Vorgespräche im Gang.
 
Ein wesentliches Problem der Abgeltungssteuer ist, dass sie sich über angelsächsische Discretionary Trusts oder liechtensteinische Ermessensstiftungen leicht umgehen lässt. Parlamentsabgeordnete der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz haben in den lezten Monaten deshalb eine ganze Serie von Anfragen und Vorstössen lanciert, die kritisch auf solche Schlupflöcher hinweisen. Hervorzuheben sind etwa die Interpellationen von Nationalrat Manuel Tornare (hier oder hier)
und eine Motion von Margret Kiener Nellen und weiteren sozialdemokratischen Nationalratsmitgliedern. Sie alle fragen, wie verhindert werden soll, dass Trusts und Stiftungen zur Umgehung der Abgeltungssteuer beitragen. Gleichzeitig weisen sie darauf hin, dass solche Vehikel auch zur Geldwäsche und der Überweisung von Diktatorengeldern dienen.

Die Antworten der Schweizer Regierung halten jeweils fest, "echte" Discretionary Trusts und Ermessensstiftungen hätten gemeinnützigen Chrakter und liessen sich nicht für Steuerhinterziehung und Geldwäsche einsetzen. Bei "unechten" Trusts und Stiftungen seien die Banken in der Schweiz hingegen verpflichtet, den jeweiligen Nutzungsberechtigten zu bestimmen und entsprechende Massnahmen zu ergreifen. Die wichtige Frage, wie die Banken "echte" von "unechten" Trusts und Stiftungen unterscheiden sollen, bleibt aber unbeantwortet. In ihrer Antwort auf die Motion Kiener Nellen verweist die Schweizer Regierung dazu lapidar auf eine zukünftige Wegleitung der Eidgenössischen Steuerverwaltung. Diese ist allerdings noch nicht veröffentlicht. Bevor sie vorliegt, haben sich weder die Motion noch die Bedenken gegen die Abgeltungssteuer im deutschen Bundesrat erledigt.


Ob es der Eidgenössischen Steuerverwaltung jemals gelingen wird, sinnvolle Unterscheidungskriterien für "echte" und "unechte" Trusts und Stiftungen finden, ist ausgesprochen fraglich. Bei liechtensteinischen Ermessensstiftungen etwa, die angeblich wohltätigen Zwecken dienen, können geheime Absichtserklärungen vollkommen legal dafür sorgen, dass sie dennoch unter der faktischen Kontrolle eines wirtschaftlich Berechtigten stehen. Um solchen Absichtserklärungen auf die Spur zu kommen, müssten die Schweizer Banken nicht nur den nötigen Willen, sondern auch hellseherische Fähigkeiten an den Tag legen. Ansonsten liessen sich die Lücken der Abgeltungssteuer und der Geldwäschebestimmungen nur dann schliessen, wenn die Banken grundsätzlich darauf verzichten würden, Gelder anonymer Trusts und Stiftungen anzunehmen.

Freitag, 2. November 2012

Starbucks Deutschland bezahlt seit zehn Jahren keine Ertragssteuern


Vor zwei Wochen waren die Medien Großbritanniens voll von Starbucks' Steuervermeidung (etwa hier, hier, oder hier). Der Bericht löste unter anderem eine parlamentarische Untersuchung aus und führte zu Boykott-Aufrufen gegen die Café-Kette (siehe hier). Starbucks, so hatte ein Reuters-Journalist recherchiert, bezahlte im Vereinigten Königreich in den letzten 14 Jahren nur 8.6 Millionen Pfund Ertragssteuern, obwohl Starbucks in diesem Zeitraum Café für über 3 Milliarden Pfund verkauft hat.  Über komplexe Gewinnverlagerungsstrategien wurden Gewinne steuerfrei ins Ausland geschafft, etwa durch konzerninterne Lizenzzahlungen und Fremdfinanzierung, oder indem Kaffeebohnen über die Schweizer Tochter eingekauft wurden.

Man könnte denken dass diese Geschichte durchaus auch in Deutschland für Schlagzeilen sorgen könnte, immerhin betreibt Starbucks rund 150 Läden in Deutschland. Erfreulicherweise hat die FAZ vier Tage später einen runden Artikel zu dem Thema gefahren ("Wut am britischen Kaffeetisch", siehe hier). Darüber hinaus jedoch gab es über die Steuertricks keine Berichterstattung in deutschen Printmedien (jedenfalls online).

Wer glaubt das läge an der Entfernung des Vereinigten Königreiches, der täuscht sich, denn gestern lieferte Reuters nach: Starbucks erklärt seinen Investoren, dass in Europa 2011 US$ 40 Millionen Gewinn eingefahren wurden, während Starbucks in den drei wichtigsten Europäischen Märkten (Deutschland, Frankfreich, Vereinigtes Königreich) mit über 90% des Europäischen Umsatzes einen Verlust von US$ 60 Millionen ausgewiesen hat.

Die Jahresabschlüsse der deutschen Starbucks Tochter "Starbucks Coffee Deutschland GmbH" wiesen in jedem Jahr seit 2002 Verluste aus. Für 2011 wurde bei €117 Mio. Umsatz ein Verlust von € 5,3 Mio. ausgewiesen. Zum Vergleich: die deutsche McDonald's Tochter zahlte für 2010 (das letzte Jahr mit vollen Zahlen) bei € 196 Mio. Umsatz immerhin bescheidene € 12,6 Mio. Ertragssteuern.

Und was macht der Spiegel angesichts dieser Fakten? Er veröffentlicht heute (siehe hier) im Wirtschaftsteil einen Artikel über Starbucks finanzielle Performance, in dem die Steuervermeidungsthematik...vollkommen fehlt!

Ursache für diese Gewinn- und Steuergymnastik sind löchrige Rechnungslegungs- und Steuerregeln. So ist es möglich, konzerninterne Dienstleistungen auch grenzüberschreitend vom Ertrag abzuziehen. Beim deutschen Starbucks besteht der größte gewinnmindernde Abzug in Lizenzgebühren, die mit 6% auf den gesamten Umsatz zubuche schlagen und praktischerweise an die Niederländische Holding "Starbucks Coffee EMEA BV" für die Nutzung des Markenzeichens sowie von Unternehmensprozessen überwiesen werden (auch Bono von U2 kennt übrigens die Vorzüge der Niederlande in diesem Punkt, siehe hier und Hintergrund Niederlande als Steueroase hier). Die Starbucks Steueraffäre wirft auch wichtige Fragen in Bezug auf fairtrade auf, denn bekanntlich bezieht Starbucks fairen Kaffee. Wie viel Steuervermeidung genau verträgt also das fairtrade-Siegel (siehe Hintergrund hier)?

Ein erster Schritt um diesem Problem Herr zu werden wäre die Einführung einer länderweise Offenlegungspflicht für Konzerne - wie sie inzwischen auch PriceWaterhouseCoopers prominent untersucht (siehe hier und hier). Der erste Schritt könnte bald auf Europäischer Ebene getan werden (siehe hier). Eine solche Offenlegungspflicht würde es erleichtern festzustellen, welche Konzerne sich am  aggressivsten steuerlich arm rechnen, den Investoren gegenüber aber glänzen. Das ist letztlich für Konsumenten (die ja auch Steuerzahler sind) ebenso relevant wie für Steuerverwaltungen, die dann ihre knappen Prüfungs- und Fahndungsressourcen besser einsetzen könnten. In einem Bild sieht die  Rechnungslegung nach Ländern so aus:

Was der nächste Schritt danach sein könnte, können Sie hier und hier und hier erkunden.
 
by Zählwerk GbR 2009-2013