Dienstag, 21. Oktober 2014

Die geprellte Gesellschaft - ein Buch für Steuergerechtigkeit?

http://www.randomhouse.de/Buch/Die-geprellte-Gesellschaft/Bastian-Brinkmann/e454692.rhdBastian Brinkmann hat ein bemerkenswertes Buch über die Themen dieses Blogs geschrieben: Die geprellte Gesellschaft. Warum wir uns mit der Steuerflucht von Reichen und Konzernen nicht abfinden dürfen.

Er ist bei der Süddeutschen Zeitung als Journalist tätig und hat dort die Offshore-Leaks Enthüllungen mitbeackert. Wohldosiert mutet er dem Leser Einblicke in die Niederungen deutscher Steuerhinterziehung genauso zu wie schwindelerregende Ausblicke libertärer Höhenflüge. Wer genau aufpasst wird einige Inspiration aus dem englischen TJN-Blog wiedererkennen, darüber hinaus jedoch auch viel Neues entdecken. Wir sind dem Verlag und Autor dankbar, dass wir hier einen kleinen Auszug aus der Kategorie "libertäre Höhenflüge" abdrucken dürfen. Bastian Brinkmann betreibt einen Blog (hier), der äußerst lesenswert ist.

"Kein Staat, keine Steuern, nur Kaviar und Champagner*

Das Leben ist eine Reise. Für die Passagiere von The World gilt das wortwörtlich. Sie leben auf einem Schiff, das das ganze Jahr um die Welt fährt. The World ist die größte Jacht in Privatbesitz auf der Erde, rund 196 Meter ist das Schiff lang. Es beherbergt 40 Studios und 125 Wohnungen mit ein, zwei, drei oder mehr Schlafzimmern, plus Fitnessräume und vier Restaurants. An Bord sind 200 glückliche Menschen, heißt es in dem Marketingmaterial, die das Programm bestimmen und entscheiden, welche Route das Schiff im nächsten Jahr nehmen wird, wo das Schiff anlegen und welche Landausflüge das Personal organisieren soll. Wer die Passagiere des Schiffes sind, ist strikt vertraulich. Denn die Bewohner von The World sind sehr reich und wollen vielleicht nicht unbedingt, dass ihr Aufenthaltsort bekannt wird. Immerhin weiß man grob, aus welchen Ländern sie kommen: Die Angestellten an der Rezeption sprechen neben Englisch auch Deutsch, Französisch, Italienisch, Spanisch und Japanisch.

Es klingt wie ein Schauermärchen, die Geschichte des Geisterschiffs, das nur namenlose Wesen an Bord hat. Doch die The World ist echt. Und hat für manchen handfeste Steuervorteile: Wer sich fast ganzjährig in internationalen Gewässern aufhält, ist etwa für das deutsche Finanzamt nicht mehr greifbar, denn das orientiert sich am Wohnort der Steuerpflichtigen. Ein Wohnort »Wasser« ist in den Vordrucken der Beamten nicht vorgesehen. In der Werbebroschüre für The World wird das Thema Steuervorteile explizit, wenn auch juristisch wasserdicht, angesprochen. »Kann ich das Schiff zu meiner permanenten Adresse machen, und gibt es Steuervorteile, wenn man ein Resident der The World ist?«, steht dort. »Uns sind keine Steuervorteile bekannt, die mit dem Besitz einer Wohnung an Bord der The World verbunden sind. Wir ermutigen jeden potentiellen Käufer, mit ihren Steuerberatern über das Thema Wohnsitz zu sprechen. Sie können so lange an Bord bleiben, wie es Ihnen gefällt. Viele der Eigentümer verbringen den Großteil des Jahres an Bord des Schiffes.« Der »Großteil des Jahres«, 183 Tage nicht in Deutschland – das wäre die magische Grenze, um dem Finanzamt zu entkommen.

Das Kreuzfahrtschiff The World ist in der Steueroase Bahamas registriert, wie viele große Schiffe. Seit 2002 fährt es um die Welt, alle Zimmer sind vergeben, sodass neue Passagiere einen Verkäufer finden müssen. Ernsthafte Interessenten dürfen sich an Bord umschauen, ansonsten sind Gäste aber nicht erwünscht, man bleibt lieber unter sich. Käufer und Verkäufer handeln einen Preis aus, bezahlt wird fast immer bar. Das hinterlässt keine Spuren. An Bord gibt es Telefon und Internet, damit die Bewohner sich weiterhin ums Geschäft kümmern können. »In den unberührten Wässern um die Antarktis, zwischen den abgelegenen Inseln von Polynesien oder mit Kurs auf die wunderschönen Seychellen im Indischen Ozean – egal wo, jeder Bewohner ist ans Internet angeschlossen und kann mit einem Klick oder einem Anruf in Kontakt bleiben«, heißt es im Werbematerial.

Für Normalverdiener ist der eigene Staat Monopolist. Es gibt nur den einen Anbieter, den VEB Staat gewissermaßen. Da die Wahrscheinlichkeit, dass die Verhältnisse durch eine Revolution komplett umgeworfen werden oder ein anderer Staat einmarschiert und die Macht übernimmt, in den westlichen Demokratien relativ gering ist, wird dieser Monopolist den meisten Bewohnern dieser Länder wohl lebenslang erhalten bleiben. Für Reiche ist das anders. Sie können es sich leisten, aus dem Überangebot der Staaten die Vorteile herauszupicken, die am besten zu ihrem Leben passen. Für sie ist die Erde wie ein Luxuskaufhaus. Das fängt beim Sommerhaus an, das in Florida am Strand oder in Frankreich am Mittelmeer steht. Für das Ersparte sind schon wieder ganz andere Länder interessant, Dutzende Steueroasen auf der ganzen Welt bieten sich als Geldbunker an. Reiche können auch ihren Wohnsitz outsourcen, ihre physische Existenz. Dahin, wo das Leben angenehm und die fiskalische Last niedrig ist. Im Fall von The World heißt das sogar: gar kein Staat und gar keine Steuern. Nur Kaviar und Champagner."

*Auszug aus diesem Buch, mit freundlicher Genehmigung von Autor und Verlag.

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